Der deutsche Wald kann mehr als rauschen

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Wald in der Dichtung

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Holz und Gemüt

Wald - sollte man eigentlich denken - ist Wald: Bei gleichen Bedingungen wächst er überall gleich, sieht hierzulande nicht anders aus als sonstwo. Und doch hat es mit dem deutschen Wald seine ganz besondere Bewandtnis, welche ihn unvergleichbar macht mit anderen Wäldern der Erde: Er ist romantisch verklärter Lieblingshort der Nation und vielbesungener Dichter-Wald.

»Der Lieblingsplatz« heißt dieses Bild, das
Carl Spitzweg in der Zeit um 1855 malte.

Das Gemüt des Deutschen ist - überspitzt formuliert - grün tapeziert: eichenlaubgrün, buchen-blattgrün, tannennadelgrün. Seine Gefühle, besonders die romantischen, durchwabern den Wald wundersam nebulos - und auch vieles, was deutsche Dichter schrieben, ist durchtränkt von mancherlei Waldgedanken.

Wald - das Wort ist uralt, die Herkunft dunkel, vielleicht kommt es von »wild«? Immerhin sind Bestimmung und Abgrenzung klar - wie man nachlesen kann in Jacob und Wilhelm Grimms Deutschem Wörterbuch:
»Unter Wald versteht man eine größere, dicht mit hochstämmigem Holz, das aber mit Niederholz untermischt sein kann, bestandene Fläche... unterscheidet sich so von dem einen geringeren Umfang habenden Hain, wo die Bäume auch weiter auseinanderzustehen pflegen, und dem aus Niederholz bestehenden Gebüsch... Im Mittelalter wird Wald vorwiegend als Gemeinbesitz einer Markgenossenschaft angesehen, so dass Wald selbst gleichbedeutend mit Mark steht, er bildet so den Gegensatz zum Forst, der dem Gemeinbesitz entzogen ist und sich im Besitz eines Herrn befindet... hervorzuheben ist noch der der Benutzung entzogene Bannwald

Freilich, klagt der Bearbeiter der Neuauflage des Grimmschen Wörterbuchs, die 1922 in Leipzig erschien, hält die »gewöhnliche Sprache diese Unterscheidungen nicht immer ein«. Und nicht nur die gewöhnliche - auch die Sprache der Poesie klaubt aus den Wörtern oft die passenden heraus, ganz wie es die Reimkunst verlangt:

Nicht in kalten Marmorsteinen,
Nicht in Tempeln dumpf und tot,
In den frischen Eichenhainen
Webt und rauscht der deutsche Gott.

Ein Vers von Ludwig Uhland. Vor ihm hatte - in einem Gedicht an Frau von Stein - Johann Wolfgang von Goethe in die grünen Kronen geseufzt: »Sag'ich's euch, geliebte Bäume. . .«Am darauffolgenden Tag gestand er der Freifrau: »Ich habe eine große Unterredung mit meinen Bäumen gehabt und ihnen erzählt, wie ich Sie liebe.«

Vor und nach dem Olympier besangen deutsche Dichter dutzendweise Waldesnacht und Waldeseinsamkeit, Waldesweite und Waldeskönigtum.

So etwa Friedrich Rückert:

Wenn wir dann zusammenruhend,
freundlich thuend,
lauschen in der Waldesnacht.

Oder Joseph von Eichendorff:

Und es rauscht die Nacht so leise
durch die Waldeseinsamkeit.

Oder Nikolaus Lenau:

Es braust der Wald, am Himmel ziehn
des Sturmes Donnerflüge.

Schließlich Theodor Storm:

Der Kuckuck lacht von ferne,
es geht mir durch den Sinn:
sie hat die goldnen Augen
der Waldeskönigin.

Und auch Adalbert Stifter:

Wie ein schöner Gedanke Gottes
senkte sich gemach die Weite
des Waldes in ihre Seele.

Heinrich Heine hatte sich immer ein paar schöne Bäume vor der Haustür gewünscht, »zum Aufhängen meiner Feinde«. Erich Kästner konnte - ganz wie Goethe - mit Bäumen »wie mit Brüdern reden«. Ähnliches vermochte Hermann Hesse: »Bäume sind Heiligtümer; wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit.« Nichts als eitel Poetisierung? »Holz«, schrieb der damalige Bundespräsident Theodor Heuss 1952 den Förstern ins Gästebuch, »ist ein einsilbiges Wort, aber dahinter verbergen sich viele Märchen und Wunder.«

Diese Art der poetischen Romantik ist nicht mehr. Keiner seufzt mehr von Wipfelrauschen, Waldespracht, Waldeseinsamkeit - die Ausdrücke sind tabu. Genieren wir uns? Eigentlich nicht. Wir haben aber wohl ein anderes Verständnis gewonnen, ein distanzierteres, oft spöttisches - wie H. C. Artmann, wenn er in seinem Poem »Was ist uns Deutschen der Wald?« zunächst ungereimt Antwort gibt:

Ein ewig grünender Vorwand
zur Definition von Geräuschen
als Rauschen oder als Stille
zum Hören des Schweigens
sowie zur geselligen Freude
an seiner zwanglos befreienden Einsamkeit.

Bis Artmann, 19 Zeilen später, dann doch in Verse fällt:

Ein Grund in ihm zu lieben und in ihm zu schießen ihn tief ins Herz und für den Durchgang zu schließen
in ihm geborgen die ganze Welt zu verneinen
und sich in ihm oder mit ihm zu vereinen
sein Schweigen zu feiern in schallenden Chorgesängen
in ihm Fallen zu stellen und sich in ihm zu erhängen.

Oder, weit pessimistischer, Rainer Kunze:

Der hochwald erzieht seine bäume
Sie des lichtes entwöhnend, zwingt er sie,
all ihr grün in die krönen zu schicken
Die fähigkeit,
mit allen zweigen zu atmen,
das talent,
äste zu haben nur so aus freude,
verkümmern
Den regen siebt er vorbeugend
der leidenschaft des durstes
Er lässt die bäume größer werden
wipfel an wipfel:
Keiner sieht mehr als der andere,
dem wind sagen alle das gleiche:
Holz

Kein Zweifel: der Wald ist versachlicht, materialisiert. Die Sprache der zeitgenössischen Schriftsteller und Autoren ist kühl, sogar unterkühlt, knapp, hart und, wenn es um die Formulierung von Emotionswerten geht, manchmal ein bißchen zynisch: »Viel Holz, viel Sehnsucht, viel Gemüt wächst und west im deutschen Wald.« So Horst Stern.

Nicht aus jedem modernen Waldvers springt uns der Spott an - und oft ist er auch dann noch liebenswürdig. Erich Fried:

durch des waldtals feuchte schlüfte
tret ich den gewohnten steg,
atme schneckenbleiche dufte,
schlangen säumen meinen weg.
wo der alte werwolf wandelt,
rausch ich durch das blätterrund,
wo die mär von feen handelt,
öffne ich perplex den mund.

Und noch einmal Erich Fried, diesmal so holzgeschnitzt geradeaus und klar, dass auch Matthias Claudius einverstanden gewesen wäre:

vor seiner hütt im laubwald steht
der anachoret;
die sonn berührt den horizont,
die Wetterfront
will schon zu bett.
es tiriliert der vögel schar
ganz wunderbar,
der kläusner hängt den baß dazu,
auf ich und du,
mit haut und haar.
wohl dem, der so den tag verbringt,
wenns ihm gelingt,
und parallel mit fink und star,
recht sternenklar,
sein credo singt.

Zurück zu Nikolaus Lenau alias Edler von Strehlenau, zur Schwermut neigender Dichter der »Waldlieder«:

Ein Wäldchen rauscht auf weiter grüner Haide;
hier lebt die Erde still und arm und trübe;
das Wäldchen ist ihr einziges Geschmeide.

Und dazu noch ein Beispiel von Theodor Storm:

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf dass es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.

Neben der Lyrik halten sich einige Sprichwörter und Redensarten: »Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.« Oder: »Der Wald hat Ohren, das Feld Augen.« Oder auch noch: »Er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht« - ein Ausdruck, der von Christian Martin Wieland stammt, aber sehr hübsch auch bei Clemens von Brentano Verwendung fand:

In Buchstaben ganz versunken
schwindet alles heitre Licht,
und der Schüler, wie betrunken,
sieht den Wald vor Bäumen nicht.

Was es indessen nicht mehr gibt, das ist der Ausdruck »In den Wald geredet« (also: vergeblich bemüht; bei einem Minnesänger heißt es: »Es ist in den walt gesungen, dass ich ir genaden klage«). Verschollen ist auch die Redensart »Jemanden in den Wald schicken«. Dass zudem das alte Rechtssprichwort »Dem reichen Walde wenig schadet, wenn sich ein Mann mit Holz beladet« vergessen ist, wird den Förstern im Staatsforst und den Waldbesitzern nur lieb sein.

Übrigens: in Siegen hat der Literaturwissenschaftler Karl Riha »Das deutsche Waldarchiv« eingerichtet - eine Fund- und Sammelstelle für Poetisches um und über den Wald, den deutschen. Auch dies ein einmaliges Phänomen, ohne Vergleich auf der Welt.


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