Der deutsche Wald kann mehr als rauschen

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Gefährdete Arten

Gefährdete Arten

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In der Natur ist ein Auf und Ab normal

Die Aussetzung des Luchses in Österreich und in der Schweiz ist so gut geglückt, dass schon in wenigen Jahren mit einem großen alpinen Luchsrevier zwischen dem Wallis und der Steiermark gerechnet werden kann. In diesem riesigen Gebiet werden dann allerdings nicht mehr als 100 bis 150 Luchse leben - eine erstaunlich kleine, dennoch natürliche Luchsbevölkerung.

Seit die im Berner Oberland ausgesetzten Luchse genauer untersucht worden sind, weiß man, dass ein Luchs im Hochgebirgswald ungefähr 200 Quadratkilometer als heimatliches Streifgebiet braucht. In der Ranzzeit - der Paarungszeit - und bei gelegentlichen Ausflügen durchmessen manche Luchse sogar ein Gebiet bis zu 600 Quadratkilometern - und das immer als Einzelgänger, falls nicht gerade eine Mutter mit ihren Jungen unterwegs ist. Bei diesem Landbedarf könnten im Schwarzwald 15 bis 20 Luchse leben - wenn es dort nicht breite, stark besiedelte Täler mit sehr befahrenen Autostraßen gäbe. Solche Täler meidet der Luchs zwar, doch er würde sie immer überqueren müssen und dabei sein Leben riskieren.

20 Schwarzwald-Luchse würden im Jahr etwa 1000 Rehe und Gemsen fressen. Das wäre gerade der 20. Teil des Fallwilds von Baden-Württemberg. Die Jäger hätten also keinen Grund zur Aufregung. Nur den Naturschützern käme der Luchs ins Gehege, weil sie gebietsweise Birk- und Auerwild wieder einbürgen wollen. In den ersten Jahren solcher Bemühungen müssen die freigelassenen Vögel vor ihren natürlichen Feinden geschützt werden. Und weil der Schutz der Gelege nicht immer gelingt, weil auch Dachse, Wildschweine, Marder und Füchse die Nester dieser Bodenbrüter ausräumen, will man nicht auch noch den Luchs als zusätzlichen potentiellen Gegenspieler im Revier haben.

Allein, hier geht es schon um ein künstliches, vom Menschen reguliertes ökologisches Gleichgewicht. In der Natur sind lang andauernde Schwankungen im Bestand der einzelnen Tierarten normal (mal gibt es viele Enten, mal gibt es wenig), doch der Mensch will immer ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen.allen Tierarten aufrechterhalten. Er will am liebsten Auerhühner und Luchse zur selben Zeit und am selben Platz haben. Das ist zwar möglich, wenn sowohl genügend gesunde Luchse als auch genügend gesunde Auerhühner da sind, nur brauchen die dann auch den entsprechenden Lebensraum - der heute vielfach nicht mehr vorhanden ist.

Wie sehr wir immer aufs neue vom ökologischen Zusammenspiel der Natur überrascht werden, zeigt das Beispiel der wieder ausgesetzten Uhus und der Wanderfalken, deren Schutz heute mit viel Idealismus betrieben wird. Im südlichen Baden-Württemberg ist es gelungen, beide Tiere gemeinsam in einer Felsenlandschaft zu erhalten - ein großer Erfolg des Naturschutzes. Dabei kommt es aber immer wieder vor, dass die Uhus einen jungen Wanderfalken vom Felsen wegfangen, wenn sie in der Dämmerung die Abhänge einer Schlucht entlangstreichen. Und zwar passiert dies unweigerlich an den wenigen kritischen Tagen, wenn die Wanderfalken flügge zu werden beginnen. Dann verlassen die Jungen den Platz in den Felsen, wo sie aufgewachsen sind, und folgen im Bettelflug ihren Eltern, von denen sie noch eine Zeitlang gefüttert werden. Und schon kann solch ein kleiner Wanderfalke, der wochenlang vor menschlichen Nesträubern, vor rücksichtslosen Fotografen und tolpatschigen Naturbewunderern bewahrt worden ist, ein Beutetier des gleichermaßen umhegten Uhus werden.

Naturfreunde werden indes zugeben müssen, dass solch ein Vorgang nur aus menschlicher Sicht zu bedauern ist: er ist völlig natürlich. Und wenn der Mensch mit der Ausrottung und der Wiedereinbürgerung von Tierarten selber an dem manipuliert, was er als ökologisches Gleichgewicht zu erkennen meint, muss er ehrlich genug sein, seine menschlichen Werturteile denen der Natur unterzuordnen. Gewiss wollen wir verhüten, dass die Natur unter dem Raubgriff des Menschen leidet; doch schon längst ist diese Natur selbst ein Produkt der Zivilisation geworden - auch im scheinbar entlegensten Wald.

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