Der deutsche Wald kann mehr als rauschen

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Biotope

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Der Boden braucht den Wald und der Wald den Boden

Biotop

Je steiler das Gelände, desto gewaltiger die Abtragung des Bodens. Deshalb ist die großflächige Umwandlung von Hangwäldern in Weinberge und Äcker am problematischsten. Schon an schwach geneigten Hängen lassen sich bedenkliche Werte ermitteln. Bei Wald mit intaktem Unterwuchs werden 99,5 Prozent der Niederschläge gespeichert oder durch unterirdischen Abfluss wegtransportiert; auf einer Wiese fließen bereits zwölf Prozent überirdisch ab; und in einem Maisfeld oder auf Ackerboden wirkt schon fast ein Drittel des Wassers beim Abtragen des Bodens mit. Innerhalb von zehn Jahren können Niederschläge in unseren Breiten auf einem unbebauten, leicht geneigten Acker eine mehr als sieben Zentimeter dicke Schicht des Bodens wegschwemmen. Bei einem ähnlich geneigten Hang, der mit Wald und Unterholz bewachsen ist, sind es in derselben Zeit nur 0,03 Millimeter.

AufsitzerpflanzeSogenannte Aufsitzerpflanzen sind typisch für Nebelwälder

Natürlich braucht nicht nur der Boden den Wald als Schutz; der Wald braucht auch den Boden. Unter anderem bestimmt die Zusammensetzung des Bodens, wie der Wald aussieht und wie er wächst. Andererseits - und das zeigt die Abhängigkeit der Biotop-Faktoren untereinander - nimmt auch die Vegetation Einfluss darauf, wie sich der Boden entwickelt. Denn der ist ja nicht nur der oberste Teil der Erdkruste, ein mehr oder weniger verwittertes Gestein mit unterschiedlichen chemischen und physikalischen Eigenschaften - so ist er nur in seiner Ursprungsform. Nein, bald wird der Boden auch das Produkt der Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen, die in oder auf ihm leben und sterben.

Die Böden in Mitteleuropa sind relativ jung. Dafür haben die Eiszeiten durch mechanischen Abraum gesorgt - und durch ihre Temperaturen, die auch Regionen beeinflusst haben, die selbst nicht eisbedeckt waren. Deshalb sind auch die Biotope und die Lebensgemeinschaften - die Biozönosen - in unseren Breiten nach erdgeschichtlichen Maßstäben jung und folglich ziemlich artenarm. Allerdings haben es die Pflanzen in der erdhistorisch unbedeutend kurzen Spanne seit der letzten Eiszeit recht gut geschafft, die verwitternden Gesteine mit einer Humusschicht zu überziehen. So etwas gelingt durch das Einarbeiten von immer mehr organischen Stoffen aus abgestorbenen Pflanzen und Tieren in die Bodenschicht; Pflanzen und Tiere sorgen so für die Bereicherung und Stabilisierung ihres eigenen Biotops.

Absoluter Meister bei der Zufuhr von Pflanzenresten in den Boden ist der Wald. Jedes Jahr werden in unseren Breiten einem Hektar Waldboden bis zu 15 Tonnen organisches Material untergemischt - ohne jedes menschliche Zutun. Bei tropischen Regenwäldern sind es sogar bis zu 200 Tonnen. Demgegenüber schafft eine Wiese nur eine Tonne pro Hektar und Jahr.

Unter allen Bodenarten ist der Waldhumus besonders nützlich für das Zusammenleben einer artenreichen Tier- und Pflanzenwelt. Hauptbestandteile der in Humus umgewandelten Stoffe sind Kohlehydrate; Humus besteht bis zu 70 Prozent aus Nährstoffen. Die dunkle Färbung des Humus bindet besonders viel Wärme. Bodentiere und Mikroflora sorgen für Lockerung und gute Durchlüftung. Deshalb können Humusschichten Wasser bis zum Fünffachen ihres Eigengewichtes binden; sie sind ein ausgezeichnetes Reservoir für niederschlagsarme Zeiten.

Dieser Waldboden braucht den Schutz der Bäume und deren Produktion an organischen Stoffen, die Stickstoffzufuhr aus der Luft und die Speicherung von Feuchtigkeit. Wird der Boden vom Wald gut geschützt und versorgt, so lässt er seinerseits einen optimalen Wuchs der Bäume zu.

Neben dem Boden ist das Klima der zweite wichtige Faktor im Biotop Wald. Bäume und Wälder brauchen bestimmte Temperaturen, brauchen Niederschläge und einen geregelten Tages- sowie jahreszeitlichen Verlauf von beidem. Andererseits sorgen Wälder nicht nur für eine Klimakonstanz in ihren Gebieten; sie produzieren darüber hinaus auch ihr eigenes Mikroklima, das innerhalb des Biotops nicht nur für die Bäume, sondern auch für die anderen Mitglieder der Lebensgemeinschaft wichtig ist.

Konstante Wärme und Feuchtigkeit wären zwar die optimalen Voraussetzungen für Waldwuchs; allein, diese Bedingungen trifft man nur in tropischen Breiten an - und auch dort nur bis zu bestimmten Höhen. In Kisangani in der afrikanischen Republik Kongo zeigt das Thermometer das ganze Jahr über zwischen 24 und 26 Grad; die Niederschläge betragen stets zwischen 100 und 200 Millimeter im Monat. Wald, der dort wächst, ist sehr artenreich. Die Bäume haben das ganze Jahr hindurch grüne Blätter und die Stämme allezeit dünne Rinden.

Es gibt Gegenden, in denen die Temperaturen rund ums Jahr annähernd gleich bleiben, etwa auf den Kanaren. Aber die Niederschläge liegen nur in einem kleinen Teil des Jahres bei 100 Millimeter pro Monat. Dort gedeihen von den vielen hundert Baumarten der Tropen nur noch ein paar Spezialisten - Bäume, die sich gegen die Verdunstung des knappen Wassers durch eine Lederhaut auf den Blättern oder durch Behaarung schützen. Sie speichern Wasser in ihren Stämmen, Blättern oder Wurzeln über mehrere Monate.

In den gemäßigten Breiten, wie in Mitteleuropa, ist es nicht der auf wenige Wochen im Jahr konzentrierte Niederschlag, der zur Auslese und zur Anpassung der überlebenden Pflanzen führt; hier ist es die Temperatur. Wenn es unseren Bäumen zu kalt wird, also zwischen Herbst und Frühling, machen sie Vegetationspause. Wie beim Winterschlaf der Tiere werden wichtige Funktionen eingeschränkt, um den Verbrauch so gering wie möglich zu halten. Laubbäume werfen ihre Blätter ab, denn über die würde Wasser verdunstet und neues könnte dem gefrorenen Boden nicht entzogen werden; dicke Rinden schützen die Stämme vor Frost.

Bereits geringe Unterschiede in den Niederschlagsmengen und Temperaturen lassen ganz unterschiedliche Waldformen gedeihen. In Mitteleuropa zeigt sich beispielsweise ein deutlicher Unterschied zwischen den atlantisch orientierten Wäldern im Westen und den subkontinentalen Wäldern im Osten. Von Norden nach Süden lässt die zunehmende Wärme die Wälder außerdem in die Höhe klettern. So liegt die Baumgrenze in den Südalpen schon 200 Meter höher als in den Nordalpen. Tannen und Kiefern, die in den Nordalpen bis rund 1800 Meter gedeihen, wachsen in den Südalpen noch in 2000 Metern Höhe.

Wie empfindlich Baumarten auf Klimaänderungen reagieren, zeigen selbst die Wälder der Mittelgebirge im nicht gerade großflächigen Mitteleuropa. Im Harz gibt es beispielsweise ab 780 Metern eine Fichtenwaldstufe. Temperaturen und Niederschläge reichen hier für andere Waldformationen nicht mehr aus. Im wärmeren und feuchteren Schwarzwald gedeihen in der gleichen Höhe neben der Fichte ausgezeichnet auch noch Tanne, Kiefer und Buche.

Nicht nur der Reichtum der Baumarten nimmt mit gleichmäßig verteilter Wärme und Feuchtigkeit zu. Je mehr sich das Biotop Wald den optimalen Bedingungen annähert, um so mehr Pflanzenarten bietet es eine Heimat. Und je mehr Pflanzenarten wachsen, um so mehr Tiere würden hier ihre Heimat haben - hätte der Mensch sie nur in Ruhe gelassen.

Für die Pflanzen, welche die Bodenschicht des Biotops Wald beleben, spielt noch ein weiterer Faktor eine bedeutende Rolle: das Licht. Die oberen Schichten - also die Bäume mit ihren Kronen - haben gemeinhin keinen Lichtmangel. Dagegen gedeiht im Schatten der dichten Laub- und Nadelwälder nur noch das, was nicht auf Licht im Überfluss angewiesen ist oder vielleicht nur wenig Licht verträgt.

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