Der deutsche Wald kann mehr als rauschen

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Ökologie

Kapitel in: Ökologie

Der Mensch entwickelte sich, der Baum verharrte

RodungDurch Abholzen und Abbrennen des Waldes schufen unsere Ahnen Flächen für den Ackerbau. Aber auch heute gibt es, beispielsweise in den klimatisch wichtigen Waldgebieten der Tropen, noch Brandrodungen, die den Fortbestand der dortigen Wälder ernstlich gefährden.

Bäume sind unduldsam gegen andere Pflanzen, der Mensch ist unduldsam gegen andere Kreaturen: zwei vitale Gegner. Aber die Menschen lebten vorzeiten noch nicht in beengten räumlichen Verhältnissen. Zum Ende der Antike (in der Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts) gab es auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland schätzungsweise eine halbe bis eine dreiviertel Million Menschen - also zwei, höchstens drei pro Quadratkilometer. Heute ist es das Hundertfache. Gut drei Viertel des Gebietes waren bewaldet. Der Mensch brauchte das Land nicht, auf dem der Wald stand - noch nicht.Ökologie

Die Gnadenfrist dauerte keine 1000 Jahre (das sind drei, vier Baumgenerationen). Dann war der Wald nicht mehr frei, sondern verteilt, und aus dem einstigen Urwald war allmählich die Kulturlandschaft unserer Tage entstanden: eine Umwelt, welche nur mehr zu einem Drittel bewaldet ist. Der Mensch erwies sich als der vitalere der beiden Gegner, als der stärkere, der gierigere. Er entwickelte sich, der Baum verharrte.

Jahrtausendelang wusste der Mensch nichts von Ökologie, von Ökosystemen, Biotopen und Biozönosen. Der Wald war einfach da, scheinbar unerschöpflich viel Wald. Da hat der Mensch sich bedient; hat gejagt im Wald, hat Holz geschlagen: für Hausbau und Hausbrand, für Schiffsleiber und Eisenbahnschwellen, für Bergbau, Verhüttung und kunstsinnige Drechselarbeiten, für Berge von Papier. Der Forsthistoriker Alfred Barthelmeß nennt in seinem Buch »Wald - Umwelt des Menschen« (1972) - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - einige Aspekte der feineren Holzbearbeitungskunst: »Aus Linden-, Ahorn- oder Zirbelholz waren die Madonnen des Veit Stoß und Tilman Riemenschneider; reizvoll gemusterte Furniere aus Dutzenden verschiedener Hölzer zierten in kostbaren Intarsien das Chorgestühl der Kirchen und die Möbel der Schlösser, Klöster und reichen Bürgerstuben. Wiege und Sarg, Spinnrad und Webstuhl, Würfel und Tabakspfeife, Hirtenflöte und Meistergeige, alle sind sie ein Stück Wald. Pfeil und Bogen, Speer und Diskus, Morgenstern und Gewehrkolben musste der Wald ebenso liefern wie das Terpentinpflaster für die Wunden und das Harz für die Weinfässer.«

1825 dann neue Töne zum Thema Mensch und Wald: »Auf geheimnisvolle Weise bindet die Natur das Schicksal der Sterblichen an das Schicksal der Wälder.« Ein Franzose, Alexandre Moreau de Jonnes, schrieb's den Menschen ins Gästebuch. Schon zehn Jahre zuvor hatte der Deutsche Ernst Moritz Arndt geklagt über den »heillosesten und ruchlosesten Unfug mit den edlen Bäumen und Wäldern«, den der Mensch unbeschwert treibe, ohne zu bedenken, »ob er eine öde und Menschen künftig wenig erfreuliche, ja Menschen oft kaum brauchbare Erde hinterlässt«.

Der Mensch hat, aus Unkenntnis anfangs, den Wald geplündert, ausgebeutet - jahrtausendelang. Denn es genügte dem Menschen nicht, dass der Wald ihm zur Verfügung stand als »ein Dienstleistungsbetrieb für gesunde Luft, gesundes Wasser, weniger Staub, weniger Lärm, weniger Streß«, wie Horst Stern es formulierte. So wurde der Wald schließlich aus schierem Renditedenken, gegen alle Vernunft und gegen jede unterdes gewonnene Erkenntnis, zur Holzfabrik umfunktioniert. Der Kulturwald von heute ist in der Regel eine Ansammlung von Monokulturen schnellwachsender Holzarten (Fichten zum Beispiel, denn ein Festmeter Fichte bringt mehr als anderthalbmal soviel wie ein Festmeter Buche oder Birke); kurzum, der Kulturwald unserer Zeit ist ein unnatürlicher Wald, ein degenerierter Verwandter des natürlichen Waldes, anfällig im höchsten Grade.

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