Der deutsche Wald kann mehr als rauschen

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Ökologie

Kapitel in: Ökologie

Viele Bereiche des Waldes führen ein Eigenleben

Wald ist aber nicht gleich Wald. In dieser Publikation ist von manchen Waldarten die Rede. Es gibt den Bergmischwald, den Auwald, den - immer seltener werdenden - reinen Laubwald und den - immer mehr um sich greifenden - reinen Nadelwald, um nur eine sehr grobe, höchst unvollkommene Unterscheidung zu treffen. Jeder Waldtyp lebt anders; komplizierter noch - das Leben ist unterschiedlich in den einzelnen Abteilungen ein und desselben Waldes: Waldrand oder Inneres, Hang oder Talgrund, nährstoffreicher oder -armer Boden, feucht oder trocken - dies alles und noch viel mehr hat Wirkungen. Das Ökosystem ist die Einheit, das Ganze. Die Teilbereiche indes, die Unterabteilungen sozusagen, führen ein Eigenleben, nach eigenen Gesetzen: in ihrem Biotop.Ökologie

BiotopVerlandungszonen an stehenden Gewässern bieten einer Vielzahl von Pflanzen und Tieren Lebensraum.

Auch von den Biotopen können Sie in dieser Publikation lesen. Das Biotop ist der Standort, der Lebensraum; der kann groß sein oder klein, karg oder üppig. In jedem Fall aber besteht ein Biotop im Wald nicht nur aus Bäumen. Es kommen weitere Pflanzen dazu, auch die Insekten, Vögel, Säugetiere. Sie leben, direkt oder indirekt abhängig voneinander, in einer Lebensgemeinschaft zusammen. Die nennt man Biozönose. Und Biozönose und Biotop zusammen bilden das Ökosystem.

Wir machen es uns leicht: Wir sagen »Natur« und meinen Bäume und Sträucher, einen Bach, Singvögel, eine Hummel und den Fuchs - meinen den natürlichen Teil unserer Umwelt, den schöneren Teil unseres Biotops. Für einen Goldröhrling ist in diesem Sinn Natur vor allem: Lärche; denn der Goldröhrling, dieser (essbare) Pilz, wächst nur unter Lärchen. Für einen Fichtenkreuzschnabel wiederum heißt Natur: Nadelwald; für eine Kröte: Tümpel.

Aus den Ansprüchen an die Umwelt ergibt sich, welche Pflanzen und Tiere teilhaben können an einer bestimmten Lebensgemeinschaft. Sie brauchen einander, fressen einander (vom Grünzeug leben Pflanzenfresser, die ihrerseits den Fleischfressern als Nahrung dienen); einige sind sich völlig gleichgültig - aber sie stehen sich nicht im Wege. Große Tiere spielen in diesem Haushalt eine erstaunlich kleine Rolle. Hirsch und Reh, Marder, Fuchs und Habicht - für uns die eigentlichen Akteure im Wald - sind vergleichsweise unbedeutend für die Lebensgemeinschaft.

Von den annähernd 7000 Tierarten in einer Buchenwaldgesellschaft sind nur knapp 100 Arten Säugetiere, Amphibien, Reptilien und Vögel (die Vögel allein: 70); die große Masse wird von den ganz Kleinen dargestellt. Oder in anderen Zahlen ausgedrückt: Wie die Untersuchung eines älteren Laubwaldes ergab, leben dort - rein statistisch - pro Hektar achteinhalb Kilogramm Wirbeltiere, aber eine Tonne Bodentiere, also Würmer, Insektenlarven, Milben, Springschwänze und Mikroorganismen - das ist fast das Hundertzwanzigfache! Es sind diese Winzlinge, die Unbeachteten, die den Kreislauf des Waldes aufrechterhalten.

Und jetzt: der Baum. Er hat eine »Adresse« im Biotop, er lebt sozusagen auf einer Planstelle. Und dieser Baum ist selber, von den Wurzeln bis zur Krone, ein Biotop: in ihm, auf ihm und von ihm leben Käfer, Schmetterlinge, Fliegen, Kerbtiere - es gibt keinen Zweifel: er ist ihre »Natur«.

Die Lebensgemeinschaft in einem Biotop ergibt sich nicht zufällig. Jede Pflanzen- und Tierart hat ihren guten Grund (meistens mehrere gute Gründe), an diesem Standort und an keinem anderen zu leben. Man erkennt Gesetzmäßigkeiten. Diesen folgen auch die pflanzliche und tierische Bevölkerung eines Biotops. Je vielfältiger die Lebensbedingungen sind, desto größer ist die Anzahl der vorkommenden Arten, aber desto geringer die Zahl der Exemplare pro Art; und umgekehrt: je einseitiger die Lebensbedingungen, desto artenärmer die Biozönose, dafür aber ist die Zahl der Exemplare der wenigen Arten weitaus höher.

Nach eigenen Gesetzen leben - das erhält das Gleichgewicht im Ökosystem. Wenn aber der Mensch kommt, hineinregiert und räubert? Das Ergebnis ist oft ein Kollaps. »Die Natur versteht gar keinen Spaß«, schrieb Goethe an Eckermann, »sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge, sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen.«

Der Wald übernimmt Funktionen, die menschliches Leben stark beeinflussen: Der Mensch ist wesentlich vom Wald abhängig - nicht zuletzt rein wirtschaftlich. Der Wald liefert Holz, gibt Arbeitsplätze und schafft Einkommen oder Vermögen.

Den größten Nutzen aber zieht der Mensch aus den verborgenen Funktionen des Waldes: Wald reinigt Wasser und Luft, verbessert das Klima, schützt den Boden vor Erosion und Siedlungen vor Lawinen. Und schließlich schluckt Wald auch Lärm. Mit anderen Worten: ein intakter, gesunder Wald bewahrt Leben.

Wie er das macht, wie er funktioniert und was da vor sich geht von einem Waldrand zum andern, zwischen Baumkronen und -wurzeln - das wirkt, weil es im Verborgenen geschieht, zunächst geheimnisvoll. Aber das Geheimnis ist nicht unergründlich. Was man zuallererst verstehen muss, sind Kreisläufe.

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