Der deutsche Wald kann mehr als rauschen

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Sträucher

Kapitel in: Sträucher

Wer Insekten braucht, muss blühen oder duften

Insekten

BlüteDie Pflanzen haben erstaunliche Mechanismen entwickelt, um sich zu vermehren. Manche machen sich's zwar einfach: sie bilden Ableger. Doch die meisten sind auf geschlechtliche Fortpflanzung angewiesen. Fortpflanzungsorgane sind die Blüten: männliche Staubblätter und weibliche Fruchtblätter. In den Staubbeuteln der Staubblätter wird der Blütenstaub, der »Pollen«, erzeugt. Die Fruchtblätter bilden Fruchtknoten, Griffel und Narbe. Der Fruchtknoten enthält die Samenanlagen mit den Eizellen. Die werden befruchtet, indem Pollen einer Blüte derselben Art über Narbe und Griffel in den Fruchtknoten gelangt.

BlüteNach der Befruchtung einer Eizelle wandelt sich der Fruchtknoten allmählich zur Frucht; die darin eingeschlossenen Samenanlagen werden zu reifen Samen, aus denen dann wieder neue Pflanzen entstehen können.

Das Hauptproblem ist die Bestäubung: Wie kommt der Pollen zu den Eizellen? Dafür haben die Pflanzen im Lauf der Jahrmillionen vielfältige Einrichtungen entwickelt.

Da in vielen Blüten Staubbeutel und Fruchtknoten eng beisammensitzen, wäre es das einfachste, Blütenstaub und Eizellen gleich an Ort und Stelle zusammenzuführen. Bei manchen Pflanzen funktioniert das auch; sie sind »Selbstbestäuber«. Oft aber sind die Pflanzen so beschaffen, dass die Selbstbestäubung nicht funktioniert, auch wenn Staubbeutel und Fruchtknoten eng benachbart sind; und bei manchen Arten gibt es sogar getrennte weibliche und männliche Blüten - in beiden Fällen ist die Pflanze auf Fremdbestäubung angewiesen. Dafür sorgen entweder Insekten oder aber der Wind.

Durch Windbestäubung vermehren sich viele Pflanzen: Der reife Pollen wird vom Wind fortgetragen und erreicht nur zufällig die Narben von Blüten der entsprechenden Art. Windbestäubung funktioniert aber nur bei Pflanzen an freien, windausgesetzten Standorten - zum Beispiel bei den Waldbäumen. Deren Blüten öffnen sich, bevor das Laub sich entfaltet, denn die voll entwickelten Blätter würden die zuverlässige Übertragung der Pollen erheblich behindern.

Abermilliarden Pollen

Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs bei der Windbestäubung nicht eben groß. Um dieses Manko wettzumachen, produziert der Baum gewaltige Mengen von Pollen. Mitunter sieht man wahre Pollenwolken aus Baumbeständen aufsteigen. Bei trockenem Wetter schlägt der Blütenstaub sich oft in Schichten auf Fenstern, Simsen, Autodächern nieder, und an den Ufern der Seen und Teiche bilden sich dann gelbe Säume von Abermilliarden Pollen.

Die windbestäubten Baumblüten sind ganz unauffällig, weil sie keine Insekten anlocken müssen; so unauffällig schier, dass viele Menschen die Blüten von Eichen, Buchen, Hainbuchen noch niemals wahrgenommen haben...

Bei Pflanzen, die im windstillen Innern des Waldes leben, kann die Windbestäubung nicht funktionieren: Sie sind auf Insekten angewiesen. Deshalb blühen oder duften sie - mit wenigen Ausnahmen - sehr auffällig, um Insekten anzulocken. Die fliegen von Blüte zu Blüte, nehmen Pollen mit und besorgen so die Bestäubung. Ob es nun die Blütenhüllorgane sind (besonders die Blütenblätter) oder optisch auffallende Blütenstände (wie beim Schneeball), die das Anlocken besorgen - Form, Farbe oder Duft spielen eine große Rolle. Insekten gehen gern auf diese Signale ein, weil sie in der Blüte Nektar oder nahrhaften Pollen erwarten dürfen. So haben Insekten und Pflanzen ihren Vorteil voneinander.

AronstabDie pfeilförmigen, glänzend grünen Blätter des Aronstabs verschwinden im Sommer. Von der ganzen Pflanze bleibt nur der Fruchtstand mit seinen dichtgedrängten, glänzenden, scharlachroten Beeren. Sie sind giftig.

Um Insekten zur Bestäubung anzulocken, haben Pflanzen erstaunliche Anpassungen entwickelt. Manche helfen sich sehr originell; dafür ist der Aronstab ein Beispiel. Er mutet geradezu exotisch an, und der Eindruck trügt nicht: Der Aronstab ist der einzige mitteleuropäische Vertreter einer hauptsächlich in den Tropen verbreiteten Familie. Er wächst in Laubwäldern auf frischen, nährstoffreichen Böden; seine Blüten - im März und April - sind scheinbar auffallend flammenförmige, blass gelbgrün glänzende Gebilde, die sich im unteren Teil tütenartig einrollen und einen dunkelbraunen bis violetten Kolben umschließen. Wir schreiben »scheinbar«, denn in Wirklichkeit handelt es sich gar nicht um Blüten, sondern lediglich um große Blätter, die sich zu bauchigen Kesseln erweitern. Die eigentlichen Blüten, ganz unscheinbar, sitzen am unteren Ende des Kolbens. Ihr weiblicher Teil besteht nur aus Fruchtknoten und Narbe; darüber ist eine Gruppe von Staubblättern angeordnet. Den Eingang zum Kessel bewehren aber eine ganze Reihe starrer, abwärtsgerichteter Borsten.

Die Wärme, die vom Innern des blütenähnlichen Blattes ausgeht, und dessen lebhafter Harngeruch locken nun kleine Fliegen an. Die gleiten auf der öligglatten Oberfläche des Blattes aus und stürzen in den Kessel; andere klettern freiwillig am Kolben ins Innere des Kessels. Einmal darin, gibt es zunächst kein Entweichen, da die Innenseite keinen Halt bietet und die Borstenhaare den Ausgang verengen, so dass kein Insekt ins Freie entfliehen kann. Oft sammeln sich im Kessel Dutzende, manchmal sogar Hunderte von kleinen Mücken - darunter auch solche, die schon aus einem anderen Aronstabkessel kommen. Beim Herumkriechen zwischen den Blüten streifen sie den mitgebrachten Blütenstaub an den Narben ab und befruchten so die Pflanze.

Nachts öffnen sich die Staubbeutel und stäuben den Pollen auf die am Grund des Kessels ruhenden Tiere, so dass diese am nächsten Morgen ganz mit Blütenstaub bedeckt sind. Inzwischen sind die den Ausgang versperrenden Haare verwelkt und runzelig geworden, so dass die Fliegen sie nun übersteigen können. Nach einem Aufenthalt von höchstens 24 Stunden sind die Tiere wieder in Freiheit und werden alsbald vom nächsten Aronstab angelockt, um dort ebenso in die Falle zu gehen, dessen Blüten zu bestäuben und neuen Blütenstaub mit sich fortzunehmen - eine ständige Fortsetzung.

Empfindsamen Seelen sei gesagt, dass die Gefangenschaft im Aronstab für die Fliegen keineswegs unangenehm ist - sogar das Gegenteil trifft zu: der Nektar der Fruchtblüten dient nämlich als Nahrung. Und außerdem ist die Herberge geheizt - dort drinnen herrschen über Nacht Temperaturen bis zu 20 Grad.

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